|
Seite 3 von 4
1966
Das Honda-Motorradrennteam gewinnt die Markenweltmeisterschaft in der
50-, der 125-, der 250-, der 350- und der 500 cm3-Klasse. Erstenmals gewinnt ein
Hersteller damit alle fünf Klassen in einem Jahr.
Als Soichiro Honda Ende 1968 in Tokio die CB 750 Four
präsentierte, war die Sensation perfekt. Deutlich eröffnete der Firmenboß mit der
"Four" die Kampfansage an alle etablierten Motorradhersteller. Die
Zweiradpresse überschlug sich, und den Mitbewerbern standen Schweißperlen auf der
Stirn. Gegen die neue 750er Honda waren europäische Topmodelle Schnee von gestern.
Ihre ohv-Motorkonstruktionen waren stockkonservativ, es gab wirklich nichts, was vom
Hocker riß. Und dann die Honda. Nie zuvor hatte es eine 750er Serienmaschine mit
ohc-Vierzylinderreihentriebwerk, vier Vergasern, vier Auspuffrohren, 67 PS, rund 200
km/h Spitze und einer hydraulischen Scheibenbremse am Vorderrad gegeben.
1969
Mit der legendären CB 750 Four setzt Honda auf Basis der
gebündelten Honda-Rennsporterfahrungen neue Maßstäbe in der Motorradszene: Als
erstes Modell mit quer eingebautem luftgekühltem OHC-Vierzylinder-Reihenmotor
läutet dieses Modell die Big-Bike-Ära ein. Als "überragend" wird vor
allem die Motorleistung gelobt.
Doch nicht genug: Honda kaufte sich mit
diesem High-Tech-Motorrad zum Dumpingpreis von nur 6500 Mark in die Oberliga ein.
BSA und Triumph verlangten für ihre 58 PS starken 750er Triples rund 6300 Mark.,
die BMW R75/5 mit zivilen 50 PS kostete knapp 5000 Mark, Moto Guzzi setzte die 51 PS
kräftigen V7 Spezial mit 5900 Mark an, und wer sich in eine 750er Norton Commando
mit 59 PS verliebt hatte, der mußte 5300 Mark auf die Ladentheke blättern. Ganz
anders im Hause Honda. Die CB 750 Four war für Massenfertigung ausgelegt. Bis zu
dieser Zeit wurden bereits über zehn Millionen Motorräder gebaut, eine Million
Fahrzeuge gingen in die USA. Mit dem Big-bike wollte Soichiro Honda endgültig den
Weltmarkt erobern!
In den USA war die CB 750 Four sofort ein Erfolg, bei uns wußten die Motorradfahrer
zunächst nicht so recht, was sie von der neuen Maschine halten sollten. Echte
Windgesichter konnten sich kaum vorstellen, wie sie sich bei einer Panne selbst
helfen sollten, wie man die vier Vergaser, die vielen kleinen Ventile oder gar die
Zündanlage einstellen sollte. Für sie war die Technik zu kompliziert und hatte in
einem Motorrad nichts zu suchen. Andere pfiffen auf diese Bedenken und dachten nur
ans "Heizen".
Endlich gab es ein Motorrad, mit dem sein Fahrer, ohne vorher basteln zu müssen,
auf Tour gehen konnte. Dazu kamen die sagenhaften Fahrleistungen: Von Null auf 100
km/h in fünf Sekunden und eine Spitze von 200 Sachen. Trotz "verspielter
Technik" mit obenliegender Nockenwelle, astronomischen Drehzahlen und
Bombenleistung blieb der Motor unzerstörbar. Laufleistungen von weit über 100.000
km waren keine Seltenheit.
Typisch für die "Four" war ihr Sound. Allerdings nicht serienmäßig: Bei
fast allen Bikes wurden die vier kleinen Schalldämpfer aus den Auspuffrohren
herausgedreht - denn nur so kam der Vierzylinderton zur Geltung. Es wurde geheizt
bis der Asphalt glühte. Das Speedlimit auf Land- und Bundesstraßen bremste die
Deutschen erst ab Herbst 1972, und auf den Autobahnen galt sowieso "volles
Rohr". Trotzdem konnten sich 750er-Piloten auf ihre Maschine verlassen. Bis
1978 blieb die "Four"-Generation im Programm, über eine Million Maschinen
rollten vom Fließband, dann wurde der Dauerbrenner von einer 750er mit
dohc-Vierventilmotor abgelöst.
Ende der sechziger Jahre zeigte sich der deutsche Zweiradmarkt noch immer bewegt.
Die europäischen Firmen Kreidler, Zündapp, Hercules, KTM, Jawa, Garelli, Maico und
Puch rüsteten ihre Mofas, Mopeds, Mokicks und Kleinkrafträder mit agilen, für
manche Mitbürger allerdings nervige Zweitakter aus. Im wilden Gerangel der
lärmenden, stinkenden, über sechs PS starken Zweitakt-Kleinkrafträder gab es
allerdings eine Ausnahme: die Honda SS 50. Soichiro Hondas Viertaktbegeisterung war
hinreichend bekannt. Auch in der kleinen Klasse scheute er sich nicht, die Motoren
mit obenliegender Nockenwelle auszustatten. Seine SS 50 erschien 1967 auf dem Markt.
Ihr 49-ccm-ohc-Motor leistete sechs PS bei 11.000 U/min, die Maschine sah nicht nur
äußert spritzig aus, sie klang auch gut. Genau dieser Motor werkelte auch in
Monkey und Dax. Allerdings war er bei den kleinen Hüpfern gedrosselt, und anstelle
des Fünfganggetriebes erledigte ein Dreigang-Automatikgetriebe die Gangwechsel.
Gezielt suchte Soichiro Honda Marktnischen, um sie mit neuen Modellen
zu füllen. Zum Beispiel die "Mini-Bikes" Monkey und Dax. Der nächste
Streich war 1970 das "Fun-Bike" ATC US 90, ein Dreirad mit dicken
Ballonreifen, jedoch ohne Straßenzulassung. Für Geländefans präsentierte Honda
im Jahr 1972 die "Enduro" SL 250 S (wenig später in XL 250 umbenannt).
Das erste Honda-Einzylinder-Offroadbike mit Vierventiltrieb wurde der Vater der
kommenden Enduro-Generation. Für Straßensportfans hatte das Werk bald eine
interessante Palette anzubieten.
1971 drängte die CB 500 Four auf den Markt, aus der 1972 die CB 350 Four und 1974
die schnuckelige CB 400 Four mit Vier-in-eins-Auspuffanlage entstanden. Im Prinzip
basierten die drei kleine Vierzylindermaschinen auf ihre großen Schwester CB 750
Four. Über jeweils eine obenliegende Nockenwelle wurden via Kipphebel zwei Ventile
pro Brennraum aktiviert. Die Hochleistungs-Triebwerke drehen bis 9.500 U/min, hatten
aber die Zuverlässigkeit der CB 750 mit auf den Weg bekommen. 1973 war die 34 PS
starke CB 350 Four das kleinste serienmäßige Vierzylinderbike der Welt, die CB 400
brachte 37 PS, und die CB 500 stand mit 48 PS ebenfalls gut im Futter. Dank
aufwendiger Marketingstudien hatte das Werk stets den richtigen Riecher, vergaß
darüber hinaus aber nie, die Qualität zu sichern. Zusätzlich baute Honda in
Suzuka eine Test- und Rennstrecke, den Suzuka Circuit. Hondas Strategie ging auf,
bis 1970 exportierte er über fünf
Millionen Maschinen.
In den siebziger Jahren war für die vier japanischen Motorradhersteller Nordamerika
das Absatzland Nummer Eins. Die US-Boys verlangten ständig größere Bikes - und
ihre Wünsche fanden Gehör. In einer wahren Modellflut und in gegenseitigem
Wettrüsten wurden im jährlichen Rhythmus ständig neue Motorräder kreiert. 1973
fand Honda bei Honda der erste Generationswechsel statt
Soichiro Honda und Takeo Fuijsawa traten vom Firmenvorstand zurück,
Kijoshi Kawashima wurde neuer Präsident. Das Firmenkapital betrug mittlerweile
19,48 Billionen Yen, und das Geschäft boomte noch immer. An die deutsche Kundschaft
dachte jedoch kaum jemand. Warum auch? Bei uns dümpelte das Motorradgeschäft
Anfang der sechziger Jahre am Boden - bis zum Herbst 1972.
Jeder der die Branche für tot erklärt hatte, wurde spätestens auf der Kölner
IFMA eines besseren belehrt. "Größer, stärker und schneller"- keine
Aussage hätte die Show treffender umschreiben können. Allen voran Kawasaki.
entgegen der internen Absprache innerhalb japanischer Firmen, keine Maschine über
750 ccm zu konstruieren, präsentierte das Werk die 900 Super 4, kurz
"Z1", ein Motorrad der Superlative mit 82 PS und 220 km/h Spitze. Und was
hatte Honda dagegenzusetzen? Noch im Dezember 1972 stürzten sich
Honda-Versuchsingenieure auf die Herausforderung. geplant war ein Motorrad, das in
jeder Hinsicht die sportliche Z1 übertreffen sollte. Die Leitung des Projektes
übernahm Soichiro Irimajiri, der bereits 1964 als 24jähriger die sensationelle Rc
164 konstruiert hatte. So wundert es nicht, daß der Viertaktspezialist wieder ein
Sechszylindertriebwerk entwarf. Diesmal allerdings als längsliegendes,
flüssigkeitsgekühltes 1470er ohc-Sechszylinder-Boxeraggregat. Mit kommoden 61 Ps
lief der Sechszylinder seidenweich und verfügte über ein breites Drehzahlband.
Für die schnelle Realisierung des Vorhabens bediente man sich erprobter
BMW-Bauteile.
Trotz positiver Testergebnisse sollte die AOK, wie man den Prototyp nannte, nie in
Serie gehen. Der "Luxusliner" griff seiner Zeit zu weit voraus. Doch das
Projekt Supertourer war damit nicht gestorben. Honda befand sich im Zugzwang, mußte
mit einem neuen Modell kontern. Und so entstand ein glattflächiger,
flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder-Boxermotor mit 999 ccm, der mit bisher
bekannten Motorradtriebwerken wenig gemeinsam hatte. Den Zahnriementrieb für die
obenliegende Nockenwelle pro Zylinder hatten die Ingenieure aus dem Pkw-Bau
übernommen. Für den Gaswechsel waren pro Brennraum zwei Ventile zuständig, vier
32er Keihin-Gleichdruckvergaser sorgten für die Gemischaufbereitung. Der Kurzhuber
leistete stramme 82 PS bei 7.500 U/min, das maximale Drehmoment von 8,2 mkp
erreichte der Motor bei 6.500 Umdrehungen.
Als Präsentationsort des neuen Supersporttourers fiel die Wahl auf die IFMA in
Köln. Stand bei der Motorradshow 1972 die Kawasaki "Z1" im Rampenlicht,
feierte 1974 die Honda GL 1000 Gold Wing Weltpremiere. Dieser Meilenstein war
allerdings nicht makellos. Durch folgenschwere Unfälle aufgrund des schwachen
Fahrwerks und damit verbundene Gerichtsverfahren war das Motorrad in Verruf
gekommen.
1974 Die GL 1000
"Gold Wing", die ihren
Namen
von Hondas traditionellem Firmenemblem erhielt, setzte neue, außergewöhnlich hohe
Maßstäbe bei Leistung und Komfort im Motorradbau. Die Motorradwelt war von der
gewaltigen Größe und der Luxusausstattung dieses neuen Supertourers und dessen
wassergekühlten Vierzylinder-Boxermotors überwältigt.
Kein Mensch sprach mehr vom sportlichen Supertourer, die
Honda-Leute am allerwenigsten. Und so wurde 1980 aus der agilen GL 1000 der
Luxustourer GL 1100 Gold Wing. Nachdem die Gold Wing nun ganz klar als
Tourenmotorrad definiert wurde, regte sich plötzlich niemand mehr über zu wenig
Schräglagenfreiheit oder über zu hohes Gewicht auf. Die Fangemeinde wuchs
ständig; es sollte nicht mehr lange dauern, bis die Gold Wing einen ähnlichen
Kultstatus eingenommen hatte, den man von der Traditionsmarke Harley-Davidson
kannte.
Keine Meilensteine, aber dennoch zu Dauerbrennern wurden CX 500 und GL 500. Das bei
uns als "Güllepumpe" verschriene "häßliche Entlein" war
zunächst die CX 500 von 1978. Im Lauf der Jahre wurde sie zur CX 650 und als
Ableger zur Silver Wing, erst als GL 500 und später als GL 650. die gerne auch als
"kleine Gold Wing" bezeichnet wurde. Highlight in der CX-Generation war
1981 die 82 PS starke CX 500 Turbo.
Mit seiner CB 750 Four leitete Honda ein neues Motorradzeitalter ein. Wenig später
waren Vierzylindermotorräder das Maß der Dinge, und zehn Jahre später bei allen
vier japanischen Marken sogar ein Muß. Bei Honda lief das Motorradgeschäft auf
Hochtouren. Mit 2.639.727 Maschinen setzte das Werk 1978 eine Rekordmarke.
Allerdings kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen und genau der richtige
Zeitpunkt, ein Brikett nachzulegen. Der Meilenstein für 1979 hieß CBX 1000. Ein
Großserienmotorrad mit Sechszylinderreihenmotor, zwei obenliegenden Nockenwellen,
Tassenstößeln, 24 Ventilen, 1047 Kubik, 105 PS und 255 Stundenkilometer schnell.
Chef des Entwicklungsteams war wieder der begnadete Ingenieur Soichiro Irimajiri.
Für jedermann gut sichtbar, hing das "Six-Pack" in einem unten offenen
Brückenrahmen.
Keine Verkleidung sollte den Blick auf technische Finessen verwehren. Auch ihr
Motorsound mußte alles Dagewesene übertreffen: Der Auspuffton sollte dem Geräusch
eines Phantom-Düsenjägers gleichen. Tagelang saßen Techniker an einem japanischen
Militärflugplatz und nahmen die Geräuschkulisse des Abfangjägers auf. Das
Ergebnis war verblüffend, die CBX klang tatsächlich so! Allerdings nur der
Prototyp - den Verkaufmanagern war der Klang zu aggressiv, sie forderten einen
Porsche-Sechszylinderton...
Für die 1979er Saison war die CBX 1000 längst nicht alles, was Honda aus dem
Hut zauberte. Mit einer schier unüberschaubaren Flut neuer Modelle von 50 bis 1047
ccm überschwemmten die Japaner den Markt.
|